Link Search Menu Expand Document

Konsumkritikkritik – Kritik an Konsumkritik

veröffentlicht am 01. Oktober 2022

Manchmal hört man Sprüche wie „Dein Kassenbon ist ein Stimmzettel“ oder „der Verbraucher entscheidet“.

Ist das wahr? Oder ist das Augenwischerei?

In diesem Artikel möchten wir erörtern, wann und wo Konsumkritik sinnvoll ist, und gleichzeitig Kritik an schädlicher Konsumkritik, sprich Konsumkritikkritik, üben. Denn unserer Erfahrung aus verschiedenen Gesprächen nach ist Konsumkritik einer der Aspekte von Klimagerechtigkeit mit dem größten Wissensdefizit in der Politik und auch allgemein.

Das Bild zeigt eine Meme. Auf der Meme ist zuerst eine freundlich dargestellte, weibliche Wissenschaftlicherin zu sehen, betitelt mit "KLIMAAKTIVISTI", die einen Topf rührt, auf dem durcheinander die folgenden Begriffe abgebildet sind: "Mobilitätswende, Energierevolution, Soziale Gerechtigkeit, Agrarreform, Transparenz & Beteiligung, Systemwandel". Darunter sind drei kleinere Abbildungen mit jeweils einer bösartig wirkenden dunklen Silhouette. Die Silhouetten sind jeweils beschriftet mit "LOBBYISTEN, POLITIKER, PÖBLER" und diese fügen jeweils, ähnlich wie beim Kochen, böswillig Zutaten hinzu; abgebildet wie eine große Menge Zucker aus einem Karton, Pfeffer und Salz aus Streuern, und eine bunte Mischung Kram aus einem Eimer. Beschriftet sind diese hinzugefügten Zutaten mit "Konsumkritik, CO2-Fußabdruck, Werbetricks, Verantwortungsabgabe, E-Autos, Biosiegel, Konsumkritik, Schuldzuweisung"

Inhalt

Der CO₂-Fußabdruck

Heutzutage sind die meisten Menschen mit dem Begriff „CO₂-Fußabdruck“ (engl. carbon footprint) vertraut. Der CO₂-Fußabdruck soll in gewisser Weise eine Maßeinheit für die Schädlichkeit des eigenen Konsums sein. Er ist ein Versuch, den Treibhausgasauststoß auf das Individuum und sogar das individuelle Verhalten herunter zu rechnen. So soll man beispielsweise bewerten können, wie sehr individuelle Verhaltensweisen wie Fleischkonsum, Autofahren oder Fliegen dem Klima schaden würden.

Deutlich weniger Menschen wissen, wer den Begriff des CO₂-Fußabdruck populär gemacht hat. Es war der britische Öl- und Gasgigant BP (ehemals „British Petroleum“, zu deutsch „Britisches Erdöl“) und er hat sich das richtig viel Geld kosten lassen. 250 Millionen Dollar hat der Konzern dafür ausgegeben, das Konzept CO₂-Fußabdruck weltbekannt zu machen. Welchen Vorteil hat das fossile Unternehmen davon?

Die Absicht dahinter ist, dass gesamtgesellschaftliche Verantwortung auf einzelne Personen abgewälzt wird. Schuld ist plötzlich die autofahrende Person – nicht der Staat, der weder gute Radwege noch einen angemessenen öffentlichen Nahverkehr zur Verfügung stellt. Der weder erneuerbare Energien vorausschauend ausbaut, um Gaskrisen zu verhindern, noch Investitionen in Ausbeutung und Klimazerstörung unterlässt. Anstatt gemeinsam richtungsweisende Entscheidungen und Gesetzesänderungen zu fordern, kann man sich Dank des CO₂-Fußabdrucks nun streiten, welcher Mitmensch ein schädlicheres Verhalten an den Tag legt. Das Konzept lädt ein zum Streiten und kann zivile Bewegungen mit Handlungsunfähigkeit bedrohen.

Beschränkter Einfluss der Verbraucher*innen

Der CO₂-Fußabdruck erweckt den Eindruck, dass die wesentliche Verantwortung beim Verbraucher läge. In der Realität haben Verbraucher*innen in vielen Bereichen vielfach kaum Einfluss.

Als Mieter*in habe ich keinen Einfluss darauf, wie groß das Angebot an Wohnungen ist, die mindestens dem Passivhausstandard entsprechen. Wenn ich in Augsburg eine Wohnung habe, wird diese mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Erdgas beheizt oder aber mit Fernwärme, die wiederum auch mit hohem Erdgasanteil produziert wird. Als Einzelne*r kann ich keinen Einfluss darauf nehmen, wie die Augsburger Stadtwerke (swa) ihre Fernwärme produzieren. Oft gibt es leider keine Alternativen und Verbraucher*innen sind in ihrer Rolle machtlos oder müssten enorme Einschränkungen auf sich nehmen, wie beispielsweise ausschließlich kalt zu duschen.

Auch in anderen Bereichen ist es keine Selbstverständlichkeit, dass die Macht bei den Verbraucher*innen liegt. Wichtig wäre die Befähigung zum bewussten Konsum.

Bewusster Konsum

Wir sprechen von bewusstem Konsum, wenn Kaufentscheidungen basierend auf selbstgesteckten Werten getroffen werden. Bei sozial- und umweltbewussten Menschen geht es dann oft um Werte wie Menschenrechte, Tier- und Artenschutz, Umweltschutz, Klimagerechtigkeit, Bodenerhaltung usw. Die Kriterien stehen dabei manchmal im Widerspruch zu einander. Höheres Tierwohl kann beispielsweise mit stärkeren negativen Auswirkungen auf Umwelt und Klima einhergehen.

Damit bewusster Konsum überhaupt möglich und sinnvoll ist, müssen mehrere Voraussetzungen vorliegen.

Bewusster Konsum erfordert Erfahrung und Wissen.

Damit man Kaufentscheidungen basierend auf ethischen und ökologischen Gesichtspunkten treffen kann, muss man erst einmal die Auswirkungen der Produktion, des Transports, der Verwendung und der Entsorgung der jeweiligen Produkte kennen. Das ist ein enormer Schatz an Erfahrung und Wissen, den man aufbauen muss, bevor man zuverlässig bewusste Konsumentscheidungen treffen kann.

Gleiches gilt nicht nur für den Kauf von Produkten oder Dienstleistungen. Auch wenn man in umweltfreundliche Geldanlagen investieren will, steht man vor dem gleichen Bewertungsproblem.

Es gibt so viele Details, die man über Prozesse und ihre Produktionsketten wissen muss, um einschätzen zu können, wie die Auswirkungen einer Konsumentscheidung auf das Klima sind und worin bessere Alternativen bestehen. Oft kann man die notwendigen Informationen auch gar nicht in Erfahrung bringen, beispielsweise weil Transparenz fehlt und man gar nicht weiß, wie die jeweiligen Lieferketten und Produktionsbedingungen aussehen.

Einschub „Ökosiegel“

Ökosiegel sollen hier Abhilfe schaffen. Das funktioniert in der Praxis aber nur mäßig. Selbst wir am Klimacamp haben keinen Überblick darüber, welche Ökosiegel gut sind, welche schlecht sind und welche Versprechungen und Zusagen hinter den verschiedenen Ökosiegeln stehen.

Ökosiegel sind an sich ein komplexes Thema. Sich für ein Ökosiegel zertifizieren zu lassen kostet Geld. Vor allem kleinere Betriebe können sich das oft nicht leisten. Wer also ausschließlich Produkte mit Ökosiegel kauft, der schadet mitunter dem lokal produzierenden, umweltfreundlichen Familienbetrieb zum Vorteil eines großen internationalen Konzerns, der seine Produkte vielleicht umweltfreundlich herstellt, aber dann klimaschädlich über große Strecken transportieren lässt.

Bewusster Konsum erfordert Immunität gegen Werbung.

Der Spruch die „Nachfrage bestimmt das Angebot“ spiegelt nicht die ganze Wahrheit wieder. „Das Angebot bestimmt die Werbung“ und „die Werbung generiert Nachfrage“ stimmen mindestens genauso.

Moderne Werbung ist hochmanipulativ. So werden Bedürfnisse generiert, die vorher nicht da waren. Oder Bedürfnisse werden zweckentfremdet. Das Bedürfnis nach Mobilität wird so zu einem Bedürfnis für ein Auto umgebogen. Das Bedürfnis nach Freiheit wird in perverser Weise zu einem Bedürfnis nach einem Suchtmittel und so zu Zwang und Abhängigkeit umgewandelt. Es gibt zahlreiche weitere Beispiele.

Hinter der Werbung stehen gut ausbildete Menschen, die über Jahrzehnte an Forschungserkenntnissen aus der Psychologie, Soziologie und Neurologie nutzen, um über Emotionen und sozialen Druck Menschen zum Kauf des beworbenen Produkts zu manipulieren. Als Folge davon tätigt nahezu jede*r von uns immer mal eine unbewusste Kaufentscheidung.

Um sich dagegen zu verteidigen, kann man die Techniken der Werbeindustrie lernen und sich dann darin trainieren diese im Alltag zu erkennen. Das Erkennen allein reicht dann aber noch nicht. Man muss sich noch eine Abwehrreaktion aneignen. Man kann beispielsweise Zorn auf Manipulierungsversuche entwickeln. Dann empfindet man anstelle des Gefühls, das die Werbung in einem auszulösen versucht, Zorn auf den erkannten Manipulationsversuch. Das hält einen von einem unbedarften Kauf des beworbenen Produkts ab.

Bewusster Konsum erfordert Zeit.

Bewusster Konsum erfordert deshalb Zeit, weil die umweltfreundliche Alternative nicht immer die am nächsten Gelegene ist. Man muss Umwege in Kauf nehmen. Der nächste Bioladen ist für die meisten Menschen weiter entfernt als der nächste Supermarkt. Wenn man zu Gunsten eines umweltfreundlichen Verkehrsmittels auf ein persönliches Auto verzichtet, benötigt man oft auch mehr Zeit. (Das stimmt nicht immer. Für viele Strecken in Augsburg, insbesondere solche in die Innenstadt, ist man schon heute mit dem Fahrrad ähnlich schnell oder sogar schneller. Ein Grund ist, dass man mit Autos bei der Suche nach Parkplätzen und dem Fußweg vom Parkplatz zum Zielort den kleinen Geschwindigkeitsvorteil des Autos verliert.)

Rebound-Effekte

Ein weiteres Problem sind Rebound-Effekte. Menschen tendieren dazu sich bewusst oder unbewusst zu belohnen.

  • Energiesparsame Elektrogeräte werden häufiger genutzt oder länger laufen gelassen.
  • Viele Autos haben heute effizientere Motoren als noch vor wenigen Jahrzehnten. Die Kraftstoffersparnis wird aber durch größere und schwerere Autos wieder wettgemacht.
  • Wer sich ein Elektroauto kauft, wird dieses vielleicht eher auch für kurze Strecken nutzen als einen dreckigen Benziner.
  • Oder allgemein: Da ich immer X machte, darf ich mir auch mal Y leisten.

Die „Belohnung“ macht den Effekt der bewussten Konsumentscheidung mindestens in Teilen zunichte oder schadet sogar mehr.

Bewusster Konsum erfordert Geld.

Die tatsächlich höheren Kosten des weniger umweltfreundlichen Konsums trägt die Allgemeinheit. Für den Konsumenten sind umweltfreundliche, tierfreundliche oder klimafreundliche Alternativen dagegen häufig teurer. Viele Menschen können sich das nicht leisten.

Neben den genannten gibt noch weitere mögliche Hemmnisse, die bewussten Konsum erschweren und beispielsweise im sozialen Umfeld liegen können.

Einschub „Externalisierte Kosten“

Man spricht von „externalisierten Kosten“, wenn willentlich in Kauf genommen wird, dass ein Produkt nur deswegen billig sein kann, weil jemand anders zusätzliche Kosten hat. Dieser „jemand anders“ sind dann die Menschen, die mit den Schäden an Umwelt, Menschenrechtsverletzungen usw. auskommen müssen. Häufig sind das Menschen, denen es schlechter geht als uns, oder auch Menschen, die noch gar nicht leben. Diese aufgeschobenen Kosten werden durch verschiedene Effekte größer ausfallen als die jetzt erlangten, kurzfristigen Ersparnisse. Oft sind es auch wir selbst, die Teile dieser externalisierten Kosten über unsere Steuern, über unsere Versicherungsgebühren oder mit unserer Gesundheit bezahlen müssen.

Fazit zum Bewussten Konsum

Fazit: Bewusster Konsum ist ein Privileg. Wie können wir von allen Menschen erwarten, dass sie als bewusste Verbraucher*innen auftreten und auschließlich nach ökologischen Kriterien konsumieren?

Das können wir nicht. Bewusster Konsum ist nicht für alle Menschen eine Option. Wir brauchen aber keine Möglichkeiten, durch die privilegierte Menschen ihr Gewissen etwas weniger belasten müssen. Wir brauchen Klimagerechtigkeit und CO₂-Neutralität, die für alle Menschen funktioniert – auch für die überarbeitete und schlecht bezahlte Pflegekraft mit wenig Freizeit. Wie können Politiker*innen und Konzerne es wagen, ihre Verantwortung auf diese Menschen abzuschieben?

Bereiche ohne Einfluss der Verbraucher

Hinzu kommt, dass auch der Einfluss von bewusstem Konsum begrenzt ist. Selbst, wenn man als Einsiedler*in und Selbstversorger*in CO₂-neutral im Wald lebt, so ist man immer noch Teil der Gesellschaft und trägt mit Verantwortung dafür, dass Steuergeld für klimaschädliche Subventionen verwendet wird und dass die Dienstwägen der Regierung mit Benzin, die Panzer der Bundeswehr mit Diesel, die Hubschrauber der Bergwacht mit Kerosin und die Ampeln und Krankenhäuser mit Strom aus Kohlekraftwerken betrieben werden.

Es gibt Schätzungen, dass man von den etwa 10 Tonnen CO₂-Äquivalenten, die pro Einwohner*in in Deutschland durchschnittlich jährlich anfallen, im Extremfall mit allen möglichen persönlichen Einschränkungen maximal etwa 6 Tonnen einsparen könnte und die restlichen 4 Tonnen einem nur deswegen persönlich angerechnet werden, weil man Teil der deutschen Gesellschaft ist. Vier Tonnen pro Jahr und Person sind immer noch zu viel und deutlich mehr als der Pro-Kopf-Ausstoß in Ländern wie Ägypten, Brasilien, Indien, Pakistan oder gar Uganda. Kein Konsum ist also auch noch keine Lösung.

Die Ohnmacht der Verbraucher*innen zeigt sich noch an vielen anderen Stellen.

Verbraucher*innen würden sich wünschen, dass ihre Geräte untereinander kompatibel sind. Im Fall von Netzteilen brauchte es erst die Europäische Union, um USB-C als Standard für kleine Elektrogeräte festzulegen. Druckerhersteller bauen auch heute noch alle möglichen Tricks in ihre Drucker, um die Benutzung von Tintenpatronen anderer Hersteller zu unterbinden.

Ebenfalls im Interesse der Verbraucher*innen und im Sinne des Umweltschutzes wäre die lange Haltbarkeit von Produkten. Viele Hersteller bevorzugen dagegen sich verschleißende Produkte. Wenn der Hersteller Schritte zur Begrenzung der Haltbarkeit des Produkts unternimmt, spricht man von geplanter Obsoleszenz. Auch hier hat der Wunsch der Verbraucher*innen nicht gereicht. Es brauchte Verbraucherschutzgesetze, die Gewährleistungsgarantien und Mindesthaltbarkeiten gesetzlich vorschreiben. Frankreich ging noch einen Schritt weiter. Das absichtliche Verkürzen der Lebensdauer von Produkten ist dort eine Straftat.

Die Schattenseiten der Konsumkritik

Vielschichtige Täter-Opfer-Umkehr

Der Plan von BP ist aufgegangen. Der persönliche CO₂-Fußabdruck ist inzwischen in den Köpfen vieler Menschen fest verankert. „Wenn du Klimaschutz willst, dann fang doch erstmal bei dir selbst an und höre auf …“, und so ähnlich lauten Sprüche, die Klimaaktivist*innen an den Kopf geworfen werden.

Das Narrativ, das Klimaschutz vor allem in der Verantwortung des Einzelnen läge, ist eines der gefährlichsten Narrative, mit denen derzeit wirksame Klimaschutzmaßnahmen bekämpft werden und versucht wird, die Klimagerechtigkeitsbewegung als antifreiheitlich zu diskreditieren. Dabei sind es die Folgen der Erderhitzung, die Menschen ihrer Freiheit in Form ihrer Umwelt, ihrer Lebensgrundlagen und ihres Lebens berauben.

Ein Beispiel aus Augsburg

Zuletzt sahen wir das am 16. und 17. September 2022 am Rathausplatz, als die bayerische Staatsregierung dort in ihren „Klimawandel meistern“-Zelten versuchte, durch Tipps an Verbraucher*innen über ihre eigene Untätigkeit hinwegzutäuschen. Dabei sprachen die Verantwortlichen vor Ort den Bürger*innen sogar das Interesse an echter politischer Veränderung ab. Von einem sich als interessiertem Bürger ausgebenden Klimacamper auf die Verantwortung von Politik und Konzerne angesprochen, gab es an einem „Klimawandel meistern“-Zelt die Antwort, dass das die Bürger gar nicht interessiere, sondern diese bei sich selbst anfangen wollten. Eine Meinungsumfrage mit einem derartigen Ergebnis ist uns aber nicht bekannt.

„Klimawandel meistern“ ist ein Projekt des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Verbraucherschutz, welches gerade unter Leitung von Thorsten Glauber (Freie Wähler) steht. Auf der Webseite der Veranstaltung heißt es bespielsweise:

  • „Fahre einen Monat lang Alltagswege mit dem Fahrrad.“
  • „Heimliche Stromfresser entlarven … Schalter aus, Stecker raus.“

Die Tipps sind nicht grundsätzlich schlecht, allerdings muss man genau darauf achten, welches Ziel mit ihnen verfolgt wird. Aufgabe der bayerischen Staatsregierung wäre es, Fahrradwege und öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zu verbessern und den Ausbau von erneuerbaren Energiequellen und Energiespeichern voranzutreiben. Stattdessen werden Bürger*innen von der bayerischen Staatsregierung aufgefordert, Strom zu sparen und mehr Rad zu fahren.

Neben der Renaturierung von Mooren wäre eigentlich auch der Ausbau von erneuerbarer Energieproduktion eine explizite Aufgabe von Glaubers Ministerium. Die bayerische Staatsregierung blockiert mit der 10H-Regelung den Windkraftausbau und trägt so dazu bei, dass wir im nächsten Winter nicht kostengünstig mit billigem und klimafreundlichem Strom aus Windkraftanlagen unsere Wohnungen heizen können, sondern länger auf teures Erdgas angewiesen bleiben. Glaubers Koalitionspartner CSU stellte viel zu lange den Bundesverkehrsminister und ist maßgeblich für den schlechten Zustand der Radwege und des ÖPNV und der Bahninfrastruktur verantwortlich. Weiter erzählt selbst Augsburgs Oberbürgermeisterin ständig, dass das Land Bayern nicht genügend Geld zur Finanzierung des ÖPNV zur Verfügung stelle.

Das Ministerium für Verbraucherschutz überträgt seine Verantwortlichkeiten auf die Verbraucher*innen. Der Zynismus hinter der Aktion „Klimawandel meistern“ ist schwer erträglich. Dabei sind die Verkehrspolitik und die 10H-Regelung vielleicht die bekanntesten, aber bei weitem nicht die einzigen Beispiele für das Versagen derer, die nun das Thema Klimagerechtigkeit auf die Bürger*innen abwälzen wollen.

Das Bild zeigt eine Zeichnung. Die Zeichnung ist betitelt mit dem Wort „Konsumkritik“. In der Zeichnung sieht man eine kleine Insel im Ozean, auf der sich mehrere Personen befinden, welche die Verbraucher*innen darstellen sollen. Über den Personen befindet sich eine mit „Politik“ beschriftet Plattform. Von dort kippt die Karikatur eines Politikers Fässer mit Öl auf die Personen. Ausweichen ist aufgrund des umgebenen Ozeans nicht möglich Die Sprechblase des Politikers sagt „Hört doch auf im Öl zu duschen!“. Unter dem Bild steht: ‚Die Politik „weiß“, dass Verbraucher*innen Dreck an den Händen haben.‘

Sinnvolle Konsumentscheidungen

Es gibt ein paar Bereiche, in denen sinnvolle Konsumentscheidungen ohne lange Abwägung getroffen werden können. Dazu zählen der Verzicht auf Fleischkonsum und der Bezug von Ökostrom, aber auch der Wechsel zu einer nachhaltigen Bank und Abzug aller eigenen Gelder aus klimaschädlichen Subventionen.

Nachhaltige Banken

Wer Guthaben auf einem Konto bei einer Bank besitzt, überlässt damit dieser Bank das Geld zu ziemlich günstigen Konditionen. Die Bank kann das Geld dann weiter anlegen. Die meisten Banken investieren auch in klimaschädliche Industrien. Selbst als nachhaltig beworbene Finanzprodukte sind davon nicht gänzlich ausgenommen, denn der Begriff „nachhaltig“ ist nicht ausreichend geschützt. Auch andere Formen von unmoralischen Investitionen, wie beispielsweise Investitionen in Rüstungsfirmen, werden so finanziert.

Ein paar Banken haben es sich zum Ziel gesetzt, Investitionen nach sozialen und ökologischen Kriterien zu tätigen. Man spricht dann auch von einer nachhaltigen Bank oder Ökobank.

Das Klimacamp berät allerdings nicht bei Finanzinvestitionen. Für weitere Informationen siehe daher https://www.urgewald.org/bankwechsel oder Verbraucher*inneninformationsseiten im Internet.
Siehe auch Wikipedia: Nachhaltiges Banking
Und wer einen etwas unterhaltsameren Einstieg in die Thematik möchte: Spar Wars – Angriff der Fondskrieger (YouTube)

Fleischkonsum

Fleischkonsum ist nahezu immer mit negativen Folgen für Tierwohl, die Umwelt oder das Klima verbunden. Der Verzicht auf Fleischkonsum zwingt Bereiche der Wirtschaft dazu sich anzupassen. Beispielsweise sehen sich Restaurants und Supermärkte gezwungen gute vegetarische und vegane Alternativen bereit zu stellen. Da hat sich in den vergangenen 20 Jahren schon sehr viel getan. Je besser das Angebot an gesunden und abwechslungsreichen pflanzenbasierten Speisen ist, umso leichter fällt es dann anderen Menschen ihren eigenen Fleischkonsum auch zu reduzieren.

Ökostrom

Auch der Bezug von Ökostrom hat eine Lenkungswirkung auf die Energiewirtschaft. Selbst falls ein Ökostromtarif nur einen Cent pro Kilowattstunde mehr kostet, ist die Wirkung enorm. Denn der Ökostromanbieter erhält nicht nur den einen Cent, sondern etliche Cent pro Kilowattstunde, die man sowieso zahlen müsste. Gleichzeitig erhält ein konventioneller Stromanbieter dieses Geld nicht. Der Bezug von Ökostrom hat daher eine schwer zu überschätzende Wirkung.

Viele Personen in der Klimagerechtigkeitsbewegung empfehlen den Bezug von Strom von einem reinen Ökostromanbieter, der keinen Nichtökostromtarif im Angebot hat. Dieser kann sich auch nicht durch Buchhaltungstricks herausschummeln, indem er bei erhöhtem Ökostrombedarf den Ökostromanteil seines konventionellen Stromtarifs herunterrechnet. Es gibt mehrere reine Ökostromanbieter auf dem Markt. In alphabetischer Reihenfolge kennen wir:

  • bavariastrom
    https://bavariastrom.de/
  • EWS (ElektrizitätsWerke Schönau)
    https://www.ews-schoenau.de/
  • Green Planet Energy
    https://green-planet-energy.de/
  • LichtBlick
    https://www.lichtblick.de/
  • NATURSTROM
    https://www.naturstrom.de/
  • Polarstern
    https://www.polarstern-energie.de/

Die Liste ist nicht zwingend vollständig oder korrekt. Am Besten erkundigt man sich auf den Webseiten der jeweiligen Anbieter oder auf Verbraucher*inneninformationsseiten.

Einige dieser Ökostromanbieter beziehen ihren Strom von Bürgerenergiegenossenschaften oder sind selbst Energiegenossenschaften. An diesen kann man als Privatperson Anteile erwerben.

Die swa sind kein reiner Ökostromanbieter. Viele der Firmenkunden der swa beziehen weiterhin einen Strommix mit fossilen Anteilen, ja sogar einen besonders dreckigen Strommix. Der Unternehmenseinkaufsmix der swa hatte im Jahr 2020 438 g an CO₂-Emissionen pro kWh verursacht. Das ist deutlich schlechter als der deutsche Strommix des gleichen Jahres mit 310 g/kWh an CO₂-Emissionen.

Fazit

Bewusster Konsum ist punktuell sinnvoll und zumutbar. Allerdings ist er kein Ersatz für tiefgreifende politische Veränderungen. Keinesfalls sollte zugelassen werden, dass Konsumkritik zur Täter-Opfer-Umkehr missbraucht wird oder konkrete politische Entscheidungen mit Verweis auf eine abstrakte individuelle Verantwortung unterlassen werden.

Wir kritisieren Konsumkritik dann, wenn sie von Regierungen, Politiker*innen oder Konzernen kommt. Denn derartige Aktionen sind fast immer Ablenkungsmaßnahmen, die Untätigkeit verschleiern oder Zwiespalt säen sollen. Die Bürger*innen sollen sich im Kleinklein verlieren, anstatt geeint effektive Klimagerechtigkeitsmaßnahmen zu fordern und durchzusetzen.

Die wirklich wichtigen Stellschrauben liegen in der Politik. Konzerne können auch viel tun, sind aber in ihren Möglichkeiten durch die Konkurrenzsituation, in der sie sich mit anderen Firmen befinden, beschränkt. Sie müssen „wirtschaftlich“ bleiben. Die Politik hat dafür Sorge zu tragen, dass Klimagerechtigkeit wirtschaftlich Sinn ergibt. Die Profite aus klimaschädlichem Verhalten dürfen nicht länger privatisiert werden, während die Kosten der Schäden von der Allgemeinheit getragen werden.

Die Verantwortung der Bürger*innen ist es wiederum, zum einen mit Druck politische Maßnahmen für effektive Klimagerechtigkeit von den Politiker*innen einzufordern und zum anderen diese Maßnahmen dann zu akzeptieren und mit zu tragen. Dazu leisten wir als Klimacamp unseren Beitrag, indem wir Bürger*innen informieren und auch selbst mit Nachdruck die notwendigen Entscheidungen einfordern.

Bedeutung für die Arbeit des Augsburger Klimacamps

Aufgrund verschiedener Erfahrung wird Konsumkritik bei uns am Klimacamp sehr kritisch gesehen. Am Klimacamp beteiligen sich Veganer genauso wie Menschen, die gelegentlich Fleisch essen. Es beteiligen sich Autofahrer*innen genauso wie Personen, die trotz Besitz eines Führerscheins seit über einem halben Jahrzehnt nicht mehr am Steuer eines Autos saßen.

Dass man nicht nur weiß, was die Folgen des eigenen Verhaltens auf das Klima sind, sondern sich der Bedeutung dessen wirklich bewusst wird, beeinflusst natürlich auch das eigene Verhalten. Daher haben viele von uns von sich aus ihren Fleischkonsum reduziert und ihr Mobilitätsverhalten geändert.

Die wesentlichen Veränderungen, das ist uns allen bewusst, müssen politischer Natur sein. Die Politik muss die Voraussetzungen dafür schaffen, dass klimagerechtes Verhalten auch ökonomisch Sinn ergibt. Klimafreundliche Varianten müssen billiger, schneller, bequemer und zuverlässiger als ihre nicht klimafreundliche Konkurrenz sein. Klimafreundliches Verhalten muss der Standard sein.

– Klimacamp Augsburg (https://augsburg.klimacamp.eu alias https://www.klimacamp-augsburg.de/)

Dieser Artikel steht unter der Lizenz Creative Commons BY 4.0.


Dieser Artikel basiert auf dem Workshop „Konsumkritik-Kritik: von der Mär der angeblichen Macht der Verbraucher*innen“, der am 26. Januar 2022 und am 1. Juli 2022 im Augsburger Klimacamp abgehalten wurde. Der Artikel spiegelt aber nicht die volle Vielfalt an Ansichten und Meinungen zu Konsumkritikkritik wieder, wie es ein zweistündiger Workshop mit einem halben bis einem Dutzend Teilnehmer*innen kann. Wer neugierig geworden ist, kann Workshops zu diesem oder verwandten Themen am Klimacamp besuchen.